Gemeindeordnung

Gemeindeordnung der evangelischen Kirchengemeinde in Niedernhausen

Vorwort - Vom Sinn und Ziel der Gemeindeordnung: Dem Kirchenvorstand ist wichtig festzuhalten, was sich in den letzten Jahren hier vor Ort entwickelt und als Profil herausgestellt und bewährt hat. Nicht, weil es jetzt nicht weitergehen oder sich verändern darf, sondern, um erkennen zu können, was jetzt ist und wie entschieden wurde. Etwas vom „Geist der Gemeinde“ ist dabei hoffentlich zu spüren, worauf wir zurückgreifen und aufbauen können. In den letzten Jahren wurden die Gemeinden immer wieder seitens der Kirchenleitung ermutigt, ein erkennbares Profil zu entwickeln. Unseres versuchen wir hier zu dokumentieren, bewusst innerhalb der Ordnung der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau.

Präambel

Die KIrchengemeinde Niedernhausen ist eine Kirchengemeinde der Evangelischen Kirchen von Hessen und Nassau (EKHN). Dadurch teilt sie sowohl deren Grundbekenntnisse, das Kirchenrecht und die Lebensordnung, wie sie in der Rechtssammlung festgehalten sind, mit allen anderen Kirchengemeinden der EKHN.

In besonderer Weise ist die KIrchengemeinde Niedernhausen mit den Kirchengemeinden des Dekanats Idstein verbunden.

In vier Leitsätzen hat die KIrchengemeinde Niedernhausen in diesem Rahmen für sich ein erkennbares und handlungsleitendes Profil bestimmt:

1. Leitsatz: Geborgen "Mitgliedschaft

  1. Jeder Mensch ist in unserer Kirchengemeinde willkommen. Dabei fühlen wir uns besonders den Menschen an unserem Ort verpflichtet und sind insofern Volkskirche.
  2. Wir wünschen, dass Menschen in ihrer Ortsgemeinde eine geistliche Heimat finden. Wer sich uns aufgrund des Gemeindeprofils der KIrchengemeinde Niedernhausen anschließen möchte, ist herzlich willkommen.
  3. Wir legen Menschen, die kontinuierlich am Gemeindeleben teilnehmen, nahe, Mitglied der KIrchengemeinde Niedernhausen und damit gleichzeitig der EKHN zu werden. Je größer die Leitungsverantwortung innerhalb der Gemeinde und die öffentliche Repräsentanz außerhalb der Gemeinde sind, desto unverzichtbarer ist die Mitgliedschaft mindestens in einer Kirche der „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ (ACK), einer Gemeinde der EKHN, vorzugsweise der KIrchengemeinde Niedernhausen
  4. Theologische, ethische und politische Grundsatzfragen werden bei uns intensiv diskutiert. Die Beantwortung dieser Fragen entscheidet aber nicht über die Gemeindezugehörigkeit. Insofern sind wir keine Gesinnungsgemeinde.

2. Leitsatz: Erfüllt "Gemeindeaufbau in der Volkskirche"

  1. Jeder Mensch darf in unsere Gemeinde kommen und hier so bleiben oder werden wie er möchte. Die KIrchengemeinde Niedernhausen ist "Kirche der Freiheit". Jedem Menschen stehen in unserer Gemeinde alle Möglichkeiten und Freiheiten offen, die schöpferische Kraft des Vaters, die befreiende Liebe des Sohnes und die heilende Energie des Heiligen Geistes zu erfahren Gleichzeitig werden strukturelle Möglichkeiten angeboten, auch den äußeren Rahmen für intensivere geistliche Erfahrungen zu schaffen
  2. Die theologische Erkenntnis, dass der Mensch bei Gott so angenommen ist, wie er ist, und gleichzeitig durch denselben Gott Befreiung und Heiligung erleben kann, schlägt sich strukturell und organisatorisch in der KIrchengemeinde Niedernhausen nieder. Unser Gemeindeleben wird so organisiert, dass in Gottesdienst, Gemeindeveranstaltungen und Gruppen niemand zu irgendetwas auch nur indirekt gezwungen oder manipuliert wird
  3. Zur Verwirklichung dieser Grundsätze orientieren wir uns an den acht Qualitätsmerkmale nach C.A. Schwarz. Diese lauten: Bevollmächtigende Leitung, gabenorientierte Mitarbeiterschaft, leidenschaftliche Spiritualität, zweckmäßige Strukturen, inspirierender Gottesdienst, ganzheitliche Kleingruppen, bedürfnisorientierte Evangelisa tion, liebevolle Beziehungen. (Eine ausführliche Beschreibung befindet sich auf der Homepage der KIrchengemeinde Niedernhausen.)
  4. Unser Gottesdienstablauf am Sonntagmorgen folgt der Gottesdienstordnung der EKHN in der Form I. Die Vielfalt ist uns in der Gottesdienstgestaltung wichtig. Dies kommt in weiteren Gottesdiensten zu anderen Zeiten, an anderen Orten, für andere Zielgruppen zum Ausdruck. Dabei ist uns sowohl Verwurzelung und Präsenz in den Ortsteilen Königshofen, Oberjosbach und dem Seniorenzentrum wichtig, als auch im Rahmen des "Gottesdienst +4"-Konzepts das Ausgestalten neuer Aspekte geistlichen Lebens. Gestaltung-, Musik- und Verkündigungsstil orientieren sich ausschließlich an Art und Funktion des Gottesdienstes Musikstile z.B. werden nicht bewertet, sondern nach der Zielgruppe entschieden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem „Neuen Geistlichen Liedgut".
  5. In der regelmäßigen sonntäglichen Feier des Abendmahls drückt sich unsere ökumenische Verbundenheit aus, denn in vielen anderen Konfessionen der Welt bildet das Abendmahl den eigentlichen Mittelpunkt des GottesdienstesIm Abendmahl und der im Gottesdienst damit verbundenen Gebetsgemeinschaft kommen die Einheit unserer Gemeinde und ihre Verbindung mit Jesus Christus zum Ausdruck.
  6. Die Taufe und Konfirmation wird in der KIrchengemeinde Niedernhausen in der in unserer Landeskirche üblichen Form praktiziert. An der Taufe von Säuglingen und kleinen Kindern wird für uns in besonderer Weise deutlich, dass das „Ja“ Gottes allen unseren frommen Bemühungen zuvorkommt. Gerade deswegen möchten wir Menschen aber auch die Möglichkeit geben, dieses „Ja“ Gottes mit ihrem „Ja“ zu beantworten. U.a. in Glaubenskursen und Nachfolgeseminaren können sich Menschen auf solch ein antwortendes „Ja“ vorbereiten und es dann in einer "Lebensübergabe" zum Ausdruck bringen.

Es ist uns wichtig, dass in einer Lebensübergabe das "Für-sich-Annehmen", was Gott getan hat, im Mittelpunkt steht. Lebensübergabe ist nicht Ergebnis frommer Anstrengung, sondern Folge von Vertrauen und Gottgelassenheit. Die entschiedene Bindung an Gott macht uns dabei frei von allem, was uns im Leben unfrei machen möchte.

Als Kirchengemeinde der Landeskirche betreten wir damit Neuland und haben die Ausgestaltung noch nicht abgeschlossen.

3. Leitsatz: Begabt "Mitarbeit"

  1. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Liebe Gottes langfristig nur dann erwärmt, wenn sie durch uns hindurchfließt, weiter zu anderen Menschen. Deswegen bieten wir Menschen die Möglichkeit zur Mitarbeit in der Gemeinde und zum Dienst in der Welt.
  2. Mitarbeit in der Gemeinde orientiert sich in der KIrchengemeinde Niedernhausen theologisch am paulinischen Konzept vom "Leib Christi" in 1. Kor. 12 und am lutherischen Verständnis vom "Priestertum aller Gläubigen". Mitarbeit ist dabei niemals die Bedingung für Gottes Anerkennung und die der Menschen Sie ist vielmehr Folge des Angenommenseins von Gott und den Menschen. Daraus ergibt sich folgendes:
  3. Menschen, die neu in unsere Gemeinde kommen, sollen nach Möglichkeit nicht gleich eine Aufgabe übernehmen, sondern ankommen und sich geborgen fühlen. So lernen wir uns erst besser kennen. Wenn nach einer Zeit, die jemand für sich zum Ankommen braucht, der Wunsch nach Mitarbeit entsteht, bieten wir in einem "Gabenseminar" die Möglichkeit herauszufinden, welche Aufgaben den persönlichen Gaben entsprechen
  4. Da nach unserem Verständnis die Gemeinde ein Organismus ist, der auf die Lebendigkeit seiner Glieder angewiesen ist, erwarten wir, dass jedes Gemeindemitglied sich nach Möglichkeiten und Gaben aktiv am Gemeindeleben beteiligt.
  5. Die Struktur der Mitarbeit ist in einem "Mitarbeiter-Leitfaden" für alle transparent gemacht. Insbesondere ist festzuhalten:
  6. Die Gemeinde wird durch den Kirchenvorstand (KV) geleitet, in Arbeitskreisen (AK) werden Entscheidungen des KV vorbereitet.
  7. Im Sinn des "Priestertums aller Gläubigen" (M. Luther) besteht eine Gleichwertigkeit aller Dienste. Besondere Dienste (wie etwa die der Hauptamtlichen) sind ausschließlich durch besondere Aufgabengebiete begründet. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass eine Befreiung von der üblichen Pfarrerzentriertheit die Gemeinde belebt.
  8. Der KV bevollmächtigt die Mitarbeiter für ihre Dienste und ermutigt sie, sich dafür in einem öffentlichen Gottesdienst einsegnen zu lassen.
  9. Die hauptamtlichen Mitarbeiter treffen sich regelmäßig im "Pastoralen Team" (PT) zu einer Dienstbesprechung. Das PT hat den Stellenwert eines AKs des KV und steht nach Absprache punktuell allen Mitgliedern des KVs offen.

4. Leitsatz: Gesandt "Mission und Diakonie

  1. Das, was wir von Gott für unser Leben als wertvoll und heilend erlebt haben, geben wir durch Worte und Taten weiter. Wir sind erfüllt von der Liebe Gottes und hoffen, dass etwas davon auch von unseren Mitmenschen zu spüren ist Wir stehen aber nicht unter dem Druck, das ständig in Worte fassen zu müssen oder gar alle Begegnungen, Kontakte und Freundschaften für diesen Zweck zu ge- bzw. missbrauchen. Wir wollen weitergeben, was wir an Gottes Liebe selbst erfahren haben. Was sich in der Folge aus diesem Zeugnis ergibt, überlassen wir Gott und den Menschen. Mission und Diakonie als Zeugnis in Wort und Tat dürfen nicht instrumentalisiert oder an Bedingungen geknüpft werden.
  2. Ziel unseres missionarischen und diakonischen Handelns sind dabei Menschen im Gemeindebezirk unserer Kirchengemeinde, insbesondere Menschen, für die Jesus Christus eine neue Entdeckung ist und die nicht bereits einer anderen christlichen Gemeinschaft im Verband der ACK angehören. Wenn Menschen anderer Religionen Jesus Christus kennen lernen möchten, freuen wir uns und bieten unsere Unterstützung an Eine geplante Mission unter anderen Religionsgemeinschaften findet bei uns nicht statt.
  3. In unserem diakonischen Handeln spielt unsere Diakoniestation eine besondere Rolle. Den dort getanen Dienst verstehen wir als tätige Nächstenliebe an alten und pflegebedürftigen Menschen.

Wir akzeptieren, dass diese Arbeit unter den Rahmenbedingungen der ambulanten Krankenpflege mit der damit verbundenen Einbindung in den politischen und betriebswirtschaftlichen Rahmen geschieht.  Gleichwohl ist es unser Ziel, die Arbeit der Station in die Struktur unserer Kirchengemeinde zu integrieren. Dies geschieht

  • finanziell durch einen im Letzten vom Kirchenvorstand zu verantwortenden Haushalt,
  • organisatorisch durch einen vom Kirchenvorstand eingesetzten geschäftsführenden Vorstand ,
  • seelsorgerlich durch die Zusammenarbeit mit der Nachbarschaftshilfe Lichtblick und einem/r Pfarrer/in, der/die den Mitarbeiterinnen der Station für Seelsorgegespräche zur Verfügung steht. Diese/r Pfarrer/in soll nicht Mitglied des geschäftsführenden Vorstands sein.
  1. Die Existenz einer Diakoniestation entbindet uns nicht vom diakonischen Handeln in anderen politischen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Feldern in unserer „Einen Welt“. Die Bergpredigt, der Gedanke der Nachfolge und Texte wie Matthäus 25 machen uns klar, dass wir nur glaubwürdig sind, wenn unser Reden im Einklang mit unserem Handeln steht.
  2. Nachfolge ist zum einen eine Sache des persönlichen Lebensstils. Ziel unserer Arbeit ist nicht eine ständige Steigerung perfekt geplanter Gemeindeveranstaltungen, sondern Anstöße und Impulse zu geben, Christsein im Alltag zu leben: im beruflichen und familiären Umfeld, im Umgang mit Zeit und Geld, im ökologischen und sozialen Verhalten u.v.m.
  3. Nachfolge ist zum anderen auch eine Sache des Stils einer Kirchengemeinde. Wir wollen uns als Leib Christi am irdischen Jesus orientieren und Kirche nicht benutzen, um in eine geistliche Scheinwelt zu entfliehen. Die KIrchengemeinde Niedernhausen steht in ihrem sozialen, ökonomischen, politischen und ökologischen Handeln in der Nachfolge Jesu Christi.
Schlagworte
Leitungsprinzipien